Gib mir dein Adressbuch!

Stellen Sie sich vor, Sie sind im Urlaub und laufen an einem Geschäft vorbei, das damit wirbt, dass sie für nur 79 Cent unbegrenzt in ihren Heimatort telefonieren können. Ein verlockendes Angebot. Doch bevor Sie das Angebot wahr nehmen können, fordert der Betreiber des Ladens Sie auf, ihm Ihre komplette Brieftasche mit Ihrem Adressbuch zu überreichen, damit er dieses kopieren kann. Danach, so sagt er, können Sie direkt losgehen. „Was denkt er sich eigentlich“, wird vermutlich Ihre Reaktion sein und Sie verlassen empört das Geschäft.

Doch von dieser Empörung ist zurzeit bei der Nutzung des beliebten WhatsApp iPhone-Messanger nichts zu spüren. Dies liegt vermutlich daran, weil niemand weiß, dass genau das oben beschriebene Szenario eintritt. Die App greift auf das vollständige Adressbuch zu und übermittelt dieses an den Betreiber. Doch was ist WhatsApp? Die iPhone-Software ermöglicht den kostenlosen Versand von Kurznachrichten (ähnlich wie SMS) an Nutzer, die ebenfalls WhatsApp nutzen. Und dies scheinbar kostenlos! Die Betonung liegt auf scheinbar, denn der Preis sind alle Kontaktdaten aus dem Adressbuch des Nutzers.

Ein Blick auf die Legal Info auf der Website gibt Aufschluss:

In order to access and use the features of the Service, you acknowledge and agree that you will have to provide WhatsApp with your phone number, as well as the phone numbers of third parties whom you wish to use the Service with. When providing your phone number, you must provide accurate and complete information. You hereby give your express consent to WhatsApp to use the phone numbers you provide for use in providing you access and use of the Service. You may never use another person’s phone number without their permission.

Frei übersetzt (keinen Anspruch auf juristische Korrektheit):

Um Zugang zu den Funktionen des Service zu bekommen und diese nutzen zu können, erkennen Sie an und bestätigen Sie, dass Sie Ihre Telefonnummer an WhatsApp übergeben, ebenso die Telefonnummer von Dritten, mit denen Sie den Service nutzen wollen. Wenn Sie Ihre Telefonnummer angeben, müssen diese korrekt und komplett sein. Sie geben hiermit WhatsApp die Bewilligung, die von Ihnen übermittelten Telefonnummern benutzen zu dürfen, um Ihnen Zugang und Nutzungsmöglichkeit des Dienstes anbieten zu können. Sie dürfen niemals die Telefonnummer einer anderen Person ohne dessen Einverständnis nutzen.

Ich habe mal den Test gemacht und die App geladen. Direkt beim Start erscheint die Meldung, dass die App auf meine Kontaktliste zugreifen will. Wenn ich den Zugriff verweigere, erscheint die Meldung, dass die Software ohne Kontaktlistenzugriff nicht funktioniert. Durch das Web habe ich erfahren, dass WhatsApp beim ersten Start alle Nummern auf den Server lädt und dem Nutzer die Personen meldet, die die Software auch nutzen.

WhatsApp

Dass viele Nutzer auf Okay klicken, ist nicht verwunderlich, denn: Die „Legal Info“ wird nicht angezeigt. Auch wird nicht ersichtlich, dass ein Zugriff auf die Kontakte auch die automatische Übermittlung eben dieser bedeutet. Und auch wenn die „Legal Info“ angezeigt würde, halte ich die juristische Standhaftigkeit der für fragwürdig: Ich habe knapp 400 Kontakte auf meinem iPhone gespeichert: vor der Nutzung der Software müsste ich somit jeden fragen, ob er oder sie bereit ist, dass WhatsApp Zugang zu der Nummer erhalten darf. Erschreckend ebenfalls, dass man über diesen datenschutzrechtlichen GAU im Netz nichts findet, die App im AppStore sogar fast nur hervorragende Bewertungen bekommen hat. Sicherlich, die Einsatzmöglichkeiten sind gut und Geld lässt sich mit WhatsApp ebenso sparen. Dass der/die Kunde/Kundin mit seinen Daten und – viel schlimmer – mit den Daten seiner Kontakte bezahlt, die davon überhaupt nichts wissen, ein Skandal. Mir ist bekannt, dass viele Freunde und Bekannte von mir diese App nutzen. Ich weiß nun auch, dass auf den Servern von WhatsApp meine Telefonnummer gespeichert ist. Gefragt wurde ich natürlich nicht.

Hier muss der Staat bzw. müssen die Staaten eingreifen (oder, und dies scheint erstmal pragmatischer und realistischer, Apple in seinen App-Richtlinien). Jeder Mensch darf und soll mit seinen Daten umgehen können, wie er oder sie will. Da darf es auch keine Bevormundung durch den Staat geben. Verfahren, wie sie u.a. auch bei der Kontaktsynchronisation bei Facebook auftauchen oder eben bei WhatsApp – bei dem es nicht mal einen direkten Hinweis gibt, dass die Kontaktdaten von Dritten auf die Server geladen werden – müssen unterbunden werden.

Veröffentlicht auf vorwaerts.de.

11 Antworten
  1. Oli
    Oli says:

    Gibt es denn gesicherte Erkenntnisse was WhatsApp wirklich an den Server überträgt. Alleine die Tatsache, dass auf das Adressbuch zugegriffen wird heißt ja noch lange nicht, dass das gesamte Adressbuch (also alle Nummern inkl. Namen und was da sonst noch drin steht) an den WhatsApp-Server übertragen wird. Um alle Funktionen von WhatsApp nutzen zu können würde es ja genügen wenn lediglich die Telefonnummern übertragen werden.

    Kann man WhatsApp vertrauen? Ich weiß es nicht, misstrauen ist sicher angebracht aber Mutmaßungen und nicht bewiesene Behauptungen bringen uns da nicht weiter.

    Hier muss ich ja auch meinen Namen und die E-Mail Adresse eingeben…

    Antworten
    • henningtillmann
      henningtillmann says:

      Was Whatsapp genau überträgt weiß ich nicht, müsste man mal mitsniffen. Aber auch wenn es nur die Telefonnummern ohne den Namen senden würde, verstößt es gegen deutsche Datenschutzbestimmungen. Vor allem diese Stelle ist sehr pikant: „You may never use another person’s phone number without their permission“. Dies ist auch der große Unterschied zu meiner Site. Hier gibst du deine Adresse an, freiwillig. Bei Whatsapp gibst du nicht nur deine Telefonnummer an, sondern von den ganzen Kontakten die in deinem Adressbuch sind; vermutlich ohne, dass du (bzw. wer auch immer) die gefragt hast.

      Antworten
  2. Alfred
    Alfred says:

    Hallo,
    ist Skype nicht die bessere Alternative?
    Es werden keine Adressbücher hochgeladen.
    Es läuft auf allen Smartfones, Nachrichten senden, telefonieren
    und sogar Videotelefonie ist möglich!

    Gruss Alfred

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  1. […] bzw. dass eine eingehende Nachricht auch tatsächlich von der Person ist, von der man es annimmt. Ebenso wird beim Start von Whatsapp das komplette Adressbuch, teilweise unverschlüsselt, an US-amer…. Dies ist mit dem deutschen Recht nicht vereinbar und verstößt gegen die informationelle […]

  2. […] und die eigene Mobilfunknummer als Identifikation verwendet. In einem Rutsch wird auch das Adressbuch an den Hersteller gesendet – ein Vorgang, der im analogen Zeitalter eine Welle der […]

  3. […] auf die Kontakte) und die eigene Mobilfunknummer als Identifikation verwendet. Im gleichen Atemzug wird dann auch das Adressbuch an den Hersteller geladen. Ein Vorgang, das im analogen Zeitalter eine Welle der Empörung hervorgerufen […]

  4. […] auf die Kontakte) und die eigene Mobilfunknummer als Identifikation verwendet. Im gleichen Atemzug wird dann auch das Adressbuch an den Hersteller geladen. Ein Vorgang, das im analogen Zeitalter eine Welle der Empörung hervorgerufen […]

  5. […] WhatsApp funktioniert nur dann, wenn das Adressbuch des Nutzers hochgeladen wird. […]

  6. […] habe bereits mehrfach über WhatsApp berichtet (siehe hier oder hier). Vor allem wegen der sehr bedenkenswerten Datenschutzpolitik lehne ich die Software seit […]

  7. […] anderen Menschen, auch in Datenschutzfragen, sollte in den Mittelpunkt der Diskussion gelangen.Im Mai 2010 habe ich bereits auf die datenschutzrechtlichen Probleme bei WhatsApp hingewiesen. WhatsApp fordert von dem Nutzer den kompletten Zugriff auf sein Adressbuch und lädt […]

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